Ihr kennt das sicher. Ein kühler Morgen bricht an, der Hals kratzt ein wenig, und die Hand greift automatisch in den Schrank nach der Rettung. Doch statt einer großen, schwer zu schluckenden Tablette holen Sie ein duftendes Gummibonbon mit Orangengeschmack oder eine erfrischende Lutschtablette heraus. Es schmeckt großartig. Und so nehmen Sie sich eine Stunde später am Computer noch eine. Und am Nachmittag noch eine – schließlich ist es ja „nur ein Vitamin zur Stärkung des Immunsystems“.

Gerade in diesem angenehmen Geschmack verbirgt sich jedoch eine unauffällige Falle. Nahrungsergänzungsmittel in Form von Gelees und Lutschtabletten verwischen die Grenze zwischen Süßigkeit und konzentrierter Dosis an Wirkstoffen. Und während der Körper bei Vitamin C einen Überschuss einfach verzeiht, kann es bei Mineralstoffen wie Zink schnell zu Problemen kommen.
Ein psychologischer Trick
Warum neigen wir dazu, diese Vitamine zu übersehen und die empfohlene Dosierung zu überschreiten? Die Antwort ist einfach: das sensorische Erlebnis.
Eine klassische Tablette schmeckt bitter und pulverig, und das Gehirn nimmt sie als Medikament wahr. Ein Gummibärchen oder eine süße Lutschpastille aktivieren jedoch die Belohnungszentren genauso wie gewöhnliche Bonbons. Die Hersteller machen sie absichtlich schmackhaft – damit wir sie gerne einnehmen.
Das Problem entsteht in dem Moment, in dem wir vergessen, dass in jedem süßen Stückchen eine genau abgemessene Menge an biologisch aktiven Substanzen enthalten ist. Wenn wir anfangen, sie „nach Lust und Laune“ zu essen, gerät die Dosierung aus dem Ruder.
Vorsicht bei Zink
Zink kommt sehr häufig in Lutschtabletten und Gelees vor. Vor allem in der beliebten Kombination mit Vitamin C. Es unterstützt das Immunsystem, trägt zur Heilung der Schleimhäute bei und verkürzt den Verlauf einer Erkältung. Das hat jedoch einen entscheidenden Haken. Der Körper kann es nicht einfach „ausspülen“, wenn er zu viel davon hat.
Während Vitamin C wasserlöslich ist und ein Überschuss problemlos über den Urin ausgeschieden wird, ist Zink ein Mineralstoff. Für den Körper gibt es eine genau festgelegte sichere Obergrenze für die tägliche Zufuhr (die sogenannte „Tolerable Upper Intake Level“):
Für Erwachsene liegt die sichere Obergrenze bei etwa 25 bis 40 mg Zink pro Tag (einschließlich der normalen Ernährung).
Für Kinder liegt dieser Grenzwert deutlich niedriger – je nach Alter oft nur bei 7 bis 15 mg pro Tag.
Wie sieht eine Überdosis in der Praxis aus?
Eine gewöhnliche Lutschtablette enthält oft 10 bis 15 mg Zink. Wenn Sie täglich drei Lutschtabletten, ein Multivitaminpräparat am Morgen und dazu ein proteinreiches Mittagessen (z. B. Rindfleisch, Hülsenfrüchte oder Kürbiskerne) zu sich nehmen, überschreiten Sie die sichere Grenze mühelos.
Was passiert dann?
1. Akute Reaktion: Metallischer Geschmack auf der Zunge, Übelkeit, Magenbeschwerden, Bauchkrämpfe oder Durchfall.
2. Langfristige Risiken (chronischer Überschuss): Wenn Sie den ganzen Winter über so vorgehen, beginnt der Zinküberschuss im Körper die Aufnahme anderer lebenswichtiger Mineralstoffe zu blockieren – vor allem von Kupfer und Eisen. Die Folge können Anämie, chronische Müdigkeit und paradoxerweise ein geschwächtes Immunsystem sein. Also genau das Gegenteil von dem, was Sie erreichen wollten.
Kinder und Nahrungsergänzungsmittel in Form von Gelee
Bei Kindern ist noch größere Vorsicht geboten. Die Vitamin-Gummibärchen sehen genauso aus wie gewöhnliche Süßigkeiten aus dem Laden.
Wenn Sie eine Flasche mit einer auffälligen Verpackung griffbereit auf dem Tisch stehen lassen, isst das Kind leicht die Hälfte der Packung, weil es glaubt, eine tolle Leckerei gefunden zu haben. Für einen kleinen Körper mit einem Gewicht von 15 oder 20 kg bedeuten jedoch schon ein paar Bonbons mehr eine massive Überschreitung der sicheren Tagesdosis an Mineralstoffen und fettlöslichen Vitaminen (A, D, E, K).

4 Regeln, wie man den Geschmack genießen kann, ohne die Dosierung zu überschreiten
Lutschtabletten und Vitamin-Gelees sollte man nicht abschreiben – sie sind eine fantastische Lösung für alle, die große Kapseln nur ungern schlucken. Man muss sich lediglich an vier Grundsätze halten:
1. Lesen Sie die Rückseite, nicht die Vorderseite: Auf der Rückseite erfahren Sie, wie viel mg Zink und Vitamine Sie tatsächlich pro Stück zu sich nehmen.
2. Eine Portion reicht aus: Machen Sie es zu Ihrem morgendlichen Ritual mit einer genau festgelegten Stückzahl (z. B. 1 Gelee pro Tag). Stellen Sie die Dose nicht auf Ihren Schreibtisch neben die Tastatur.
3. Wenn Sie etwas zum Lutschen brauchen, entscheiden Sie sich für einfache Kräuterbonbons: Wenn Ihr Hals kratzt und Sie den ganzen Tag über etwas lutschen möchten, greifen Sie zu reinen Salbei- oder Mentholpastillen ohne Zusatz von Mineralstoffen und Vitaminen.
4. Bewahren Sie sie vor Kindern wie Medikamente auf: Sie gehören in einen verschlossenen Schrank, außerhalb der Reichweite von Kindern. Und erklären Sie zu Hause deutlich: „Das ist keine Süßigkeit, das ist ein Vitamin.“
Nahrungsergänzungsmittel in schmackhafter Form sind eine großartige Erfindung, doch ihre Form darf unsere Wachsamkeit nicht trüben. Die Grenze zwischen Nutzen und unnötiger Belastung liegt oft nicht in der Substanz selbst, sondern in ihrer Menge. Bei Lutschvitaminen oder Gummibonbons ist diese Grenze besonders schmal, da sie hervorragend schmecken, verlockend aussehen und harmlos wirken. Tun Sie heute eine kleine Sache für sich selbst: Drehen Sie die Verpackung um, überprüfen Sie die Zahlen und halten Sie sich an die empfohlene Dosierung. Ihre Leber, Ihr Magen und Ihr Immunsystem werden es Ihnen viel mehr danken, als wenn Sie sie mit einer dreifachen Dosis überhäufen würden.